Menü & Suche
Meinen Körper annehmen – mit MS

Meinen Körper annehmen – mit MS

Jahrelang kämpfte ich gegen mich selbst - dann kam die Diagnose Multiple Sklerose. Wie mir die MS letztlich geholfen hat, besser mit meinem Körper umzugehen:


Als ich damals die Diagnose MS bekam, fühlte ich neben Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung vor allem eins: Wut auf meinen Körper. Ich war enttäuscht und verletzt.

Schließlich ist Multiple Sklerose nichts, was von außen kommt wie ein Virus oder ein Unfall. Nö, es ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich der Körper selber zerstört.

Mittlerweile habe ich allerdings gelernt, meinen Körper zu akzeptieren und viel besser mit ihm umzugehen. Und dabei hat mir ausgerechnet die MS geholfen. Sie hat also auch so ihre positiven Seiten. 🙂

Wie genau habe ich das gelernt?

Vorher: Krieg gegen mich selbst

In den Jahren vor der MS-Diagnose war ich nicht gut auf meinen Körper zu sprechen gewesen. Rund 18 Jahre lang hatte ich einen zähen Krieg gegen mich selbst geführt.

Seit Beginn meiner Teenagerzeit kämpfte ich mit einer Essstörung. Ich investierte unheimlich viel Energie in das Zählen von Kalorien, das Reglementieren meiner Nahrungsaufnahme, in ein striktes Sportprogramm. Wenn der Hass auf meine vermeintliche Disziplinlosigkeit und diesen unperfekten Körper zu groß wurde, verletzte ich mich selbst, ich schlug mich und fügte mir Schnittwunden zu.

Klar, dass das absolut nicht hilfreich war, um besser mit mir klarzukommen. Das alles richtete meine Aufmerksamkeit erst recht auf all das, mit dem ich nicht zufrieden war. Noch dazu brockte ich mir zusätzliche Probleme ein. Durch die Essstörung war ich nicht gerade leistungsfähig und das Verbergen der Schnitte und Narben – für die ich mich jetzt zusätzlich schämte – brachte sozialen Stress mit sich.

Mit Mitte / Ende 20 wurde es allmählich besser. Ich schnitt mich nicht mehr und entwickelte allmählich ein gesundes Essverhalten. Nach außen hin wurde ich normal. 😉 Aber unter der Oberfläche lebte die Abneigung weiter.

Davon, meinen Körper zu akzeptieren oder überhaupt nur akzeptieren zu wollen, war ich immer noch meilenweit entfernt.

Tja, und dann kam die Diagnose Multiple Sklerose.

MS: Verraten vom eigenen Körper?!

Meine erste Reaktion war Wut auf meinen Körper. Ich fühlte mich von ihm verraten! Anstatt gefälligst zu funktionieren, hatte er sich auf einmal einfach so gegen mich gewandt.

Nicht ganz ohne Grund heißt es über MS ja oft „der Feind im eigenen Körper“.

Nachdem der erste Zorn verraucht war, änderte sich meine Einstellung zu meinem Körper allerdings. Mir wurde auf einmal bewusst, wie fragil er doch ist! Da ist so unglaublich viel an uns, was kaputtgehen kann. So ein empfindliches und hochkompliziertes Zusammenspiel aus Milliarden Einzelteilen… es ist alles andere als selbstverständlich, dass das funktioniert.

Mein Körper ist nicht unkaputtbar

Früher machte ich mir gar keine Gedanken darüber, ob irgendetwas bleibende Schäden jenseits von ein paar Narben anrichten könnte. Ich aß industrielle Pampe, nur weil sie weniger Kalorien als „E“s hatte. Übergab mich. Lebte ungesund.

Mir war egal, was das alles in mir anrichtete. Ich sah es irgendwie als selbstverständlich an, dass mein Körper irgendwie trotzdem weiter funktionieren würde.

Das ist natürlich Quark.

Ein kluger Mensch sagte mal:

Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen.

Da ist was dran.

Durch die MS wurde mir schlagartig bewusst, dass mein Körper ernsthaft kaputtgehen kann. Dieser entzündete Hirnnerv, der mich da mit Sehstörungen ins Krankenhaus befördert hatte, jagte mir einen Heidenrespekt ein.

In diesem Moment habe ich beschlossen, dass ich meinem Körper nicht mehr schaden will. Kein Übergeben mehr (okay, einmal ist es seitdem nochmal passiert – das war dann aber wirklich das letzte Mal), kein Schlagen mehr (läuft).

Kein Verrat – eine Sackgasse

Mir ging auf, dass es sinnbefreit und herzlich melodramatisch ist, meinen eigenen Körper für einen Verräter zu halten. Denn da steckt ja schließlich keine Absicht dahinter à la „So, die mach ich fertig!“.

Vielmehr ist mein Körper einfach kaputtgegangen. Sicher nicht „freiwillig“.

Und dann fiel der Groschen. Diese ganze emotionale Trennung von „meinem Ich“ und „dem Körper“ ist Mumpitz. Wenn meine Körperchemie aus dem Ruder läuft oder ein paar Nervenbahnen durchbritzeln, hat das verdammt große Auswirkungen auf mein Denken und Empfinden.

Mit diesem ganzen Krieg gegen mich war ich in einer Sackgasse angekommen.

Und wenn ich da wieder rauswollte, musste ich mich wohl oder übel mit meinem Körper zusammenraufen. Ihn akzeptieren lernen, gut behandeln und überhaupt erstmal ein Gefühl dafür bekommen, was er braucht.

Körpergefühl bekommen

… dass mir dazu das Fingerspitzengefühl anfangs gewaltig fehlte, hatte nichts mit tauben Fingern zu tun. 😉

Tatsächlich musste ich erst einmal lernen, mein körperliches Befinden wirklich wahrzunehmen. Viel zu oft blende ich Zipperlein oder kalt / warm / Hunger / Pipi nämlich eher aus, anstatt mich darum zu kümmern. Aber ich arbeite dran. :o)

Ich habe einige Techniken gefunden, die mir dabei helfen. Damit dieser Beitrag hier nicht zu lang wird, packe ich die demnächst mal in einen separaten Artikel.

Selbstmitgefühl lernen

Parallel dazu fiel mir das Buch „Selbstmitgefühl“ von Kristin Neff in die Hände. Daraus habe ich auch viele Denkanstöße mitgenommen.

Grob gesagt geht es darum, wie man sich für vermeintliche Unzulänglichkeiten nicht mehr selber fertigmacht, sondern Mitgefühl mit sich selbst empfindet und dadurch zu einem konstruktiven Umgang findet.

Anfangs war ich da sehr skeptisch, ob das nicht nur so ein dusseliges „Ich bin toll“-Heititei mit rosa Blümchen ist. Spoiler: ist es nicht. 😉

Mich weniger vergleichen

Beim Sport oder sonstigen körperlichen Aktivitäten richte ich meine Aufmerksamkeit mehr auf das, was ich alles schaffe – und vergleiche mich nicht mehr so viel mit anderen. Ganz abstellen kann ich das nicht… aber die MS hilft mir zu sagen und zu akzeptieren: okay, ich habe andere Voraussetzungen und andere Ziele. Mein Leben, meine Party.

Bis vor ein paar Jahren bin ich regelmäßig bei Laufveranstaltungen gestartet und kam immer irgendwo im Mittelfeld an. Als ehrgeizige Perfektionistin verglich ich mich dann direkt mit allen, die vor mir platziert waren, und fühlte mich mies und wertlos. Das ist natürlich Bullshit.

  • Erstens ist es mit etwas Abstand betrachtet herzlich wumpe, wie schnell irgendjemand in Hintertupfingen um einen See rennen kann.
  • Zweitens sind wir alle so unterschiedlich, dass wir uns wenn überhaupt nur mit uns selbst vergleichen können. (Okay, bei MS ist das bisweilen auch so eine Sache. 😀 )
  • Und drittens bin ich selbst als letzter Läufer schneller als alle auf dem Sofa. 😎

Mir ist Sport wichtig und macht mir Spaß, aber das ist es dann auch. Aus mir wird definitiv kein Spitzensportler mehr, aber das will ich auch gar nicht. Ich brauche keinen falschen Ehrgeiz mehr, der mir mehr schadet als nutzt.

Dankbar sein

… für alles, was funktioniert und was mein Körper einfach so tut und mir ermöglicht. Atmen, mich (meistens 😀 ) warm halten, schreiben, sehen & fotografieren, von A nach B kommen, leckere Dinge schmecken, unsere Tiere flauschen können und so weiter.

Das hilft mir, bewusst einen Gegenpol zu den paar Dingen herzustellen, die halt manchmal nicht so gut klappen. Das Glas ist mehr als halb voll. 😉


Unterm Strich muss ich sagen, dass mir ohne Multiple Sklerose vermutlich die Motivation zu all diesen Veränderungen gefehlt hätte. Und die haben meine Lebensqualität in vielen Bereichen doch deutlich verbessert! So gesehen: danke, MS. 🙂

Das Artikelbild ist übrigens ziemlich alt und stammt von 2014 – da habe ich für einen Triathlon trainiert und ihn auch erfolgreich gefinisht.

Hat dir dieser Beitrag gefallen? Dann nimm ihn doch mit auf Pinterest und speichere ihn, damit du ihn später wiederfindest und auch andere Leute ihn entdecken! 🙂


0 Kommentare